Ein /56 IPv6 per IPsec auf alle Edge-Standorte verteilen
Ein vom Provider delegiertes /56 soll sauber auf mehrere Außenstandorte aufgeteilt werden – jeder Edge bekommt sein eigenes /64, erreichbar über verschlüsselte IPsec-Tunnel. Der Clou: Zwischen den Tunnelendpunkten routen wir mit ULA-Adressen. So bleibt das öffentliche Präfix sauber und das Underlay stabil. Diese Anleitung zeigt den Aufbau Schritt für Schritt auf Palo Alto PAN-OS.
Das Wichtigste vorab
- Topologie: Hub-and-Spoke – eine HQ-Firewall, mehrere Edges, je ein IPsec-Tunnel.
- GUA-/56: wird in /64-Netze pro Standort zerlegt (das ist was geroutet wird).
- ULA-Underlay: jedes Tunnel-Interface trägt eine ULA-Adresse – sie ist der Next-Hop (das ist wie geroutet wird).
- Routing: statisch für wenige, BGP über die ULA-Adressen für viele Standorte.
Das Szenario
In der Zentrale (HQ) terminiert das vom Provider delegierte Präfix 2001:db8:5600::/56. Drei
Außenstandorte (Edge-A, Edge-B, Edge-C) hängen über je einen IPsec-Tunnel am Hub. Jeder Edge soll ein eigenes
/64 aus dem /56 betreiben – und alle Geräte dahinter sollen miteinander und mit der Zentrale
kommunizieren können.
Warum ULA als Underlay?
Man könnte die Tunnel-Interfaces auch mit GUA-Adressen aus dem /56 nummerieren. Doch das vermischt zwei
Dinge, die man besser trennt: das Transport-Routing zwischen den Firewalls und die produktiven
Netze. ULA-Adressen (fd00::/8) lösen das elegant:
- Stabilität: Ändert der Provider das delegierte /56, bleiben die Tunnel-Next-Hops gleich – die Routing-Logik muss nicht angefasst werden.
- Sauberkeit: Das knappe, öffentliche /56 wird ausschließlich für produktive Geräte verwendet, nicht für Punkt-zu-Punkt-Links.
- Eindeutigkeit: Ein zufällig gewähltes ULA-Präfix (RFC 4193) kollidiert praktisch nie mit anderen Netzen – ideal für ein privates Underlay.
- Trennung: Underlay (ULA) und Overlay (GUA) lassen sich unabhängig voneinander filtern, überwachen und dokumentieren.
Adressplan
Zwei Adressräume, klar getrennt: das GUA-/56 für die Standortnetze und ein ULA-/48 für die Tunnel.
| Standort | GUA-Netz (LAN) | Tunnel-ULA (Hub ↔ Edge) |
|---|---|---|
| HQ | 2001:db8:5600::/64 | — |
| Edge-A | 2001:db8:5601::/64 | fd00:abcd:51:a::1 ↔ ::2 |
| Edge-B | 2001:db8:5602::/64 | fd00:abcd:51:b::1 ↔ ::2 |
| Edge-C | 2001:db8:5603::/64 | fd00:abcd:51:c::1 ↔ ::2 |
Tipp: Wir nutzen hier pro Tunnel ein gut lesbares /64. Wer sparsamer adressieren will,
nimmt pro Punkt-zu-Punkt-Link ein /127 (RFC 6164) – die Logik bleibt identisch.
1.Crypto-Profile
Zuerst moderne Phase-1- und Phase-2-Profile. Wir verwenden IKEv2, eine starke DH-Gruppe und AES-GCM:
# Phase 1 (IKE) and Phase 2 (IPsec)
set network ike crypto-profiles ike-crypto-profiles IKE-AES256 dh-group group20 hash sha384 encryption aes-256-cbc lifetime hours 8
set network ike crypto-profiles ipsec-crypto-profiles IPSEC-GCM esp encryption aes-256-gcm lifetime hours 1
2.IKE-Gateways
Pro Edge ein IKE-Gateway. Der Transport (das Underlay des Tunnels) läuft hier über das IPv4-Internet – das verschlüsselte IPv6 reist später darin. Adressen aus den Doku-Bereichen sind Beispiele:
set network ike gateway GW-Edge-A protocol version ikev2
set network ike gateway GW-Edge-A local-address interface ethernet1/1
set network ike gateway GW-Edge-A peer-address ip 203.0.113.10
set network ike gateway GW-Edge-A authentication pre-shared-key key "super-geheimer-psk"
set network ike gateway GW-Edge-A protocol ikev2 ike-crypto-profile IKE-AES256
# Edge-B and Edge-C analogously (peer-address 203.0.113.11 / .12)
3.Tunnel-Interfaces mit ULA
Jetzt das Herzstück: Die Tunnel-Interfaces bekommen ihre ULA-Adresse. Sie ist später der Next-Hop, über den die GUA-Netze erreicht werden. Die MTU senken wir gleich für den IPsec-Overhead ab:
set network interface tunnel units tunnel.1 ipv6 enabled yes
set network interface tunnel units tunnel.1 ipv6 address fd00:abcd:51:a::1/64
set network interface tunnel units tunnel.1 mtu 1400
# Hub side ::1, Edge-A side ::2 — one ULA /64 per tunnel
4.IPsec-Tunnel & Proxy-IDs
Der IPsec-Tunnel verbindet Gateway, Crypto-Profil und Tunnel-Interface. Da wir route-based arbeiten, lassen wir die Proxy-ID (den Traffic-Selector) für IPv6 offen – geroutet wird über die Routing-Tabelle:
set network tunnel ipsec TUN-Edge-A auto-key ike-gateway GW-Edge-A
set network tunnel ipsec TUN-Edge-A auto-key ipsec-crypto-profile IPSEC-GCM
set network tunnel ipsec TUN-Edge-A tunnel-interface tunnel.1
# Route-based: leave the traffic selector open (all IPv6)
set network tunnel ipsec TUN-Edge-A auto-key proxy-id-v6 ANY local ::/0 remote ::/0
Proxy-ID vs. Traffic-Selector: Zwischen zwei PAN-OS-Firewalls genügt der offene
Selector ::/0. Spricht die Gegenstelle ein Drittanbieter-Gerät, müssen lokale und entfernte
Proxy-IDs exakt übereinstimmen – dann tragen Sie dort die konkreten /64- bzw. /56-Präfixe ein.
5.Statisches Routing
Nun verbinden wir GUA und ULA: Auf dem Hub zeigt jedes Edge-/64 auf die ULA-Adresse des passenden Tunnels als Next-Hop:
set network virtual-router VR-Default routing-table ipv6 static-route Edge-A-LAN destination 2001:db8:5601::/64 nexthop ipv6-address fd00:abcd:51:a::2
set network virtual-router VR-Default routing-table ipv6 static-route Edge-B-LAN destination 2001:db8:5602::/64 nexthop ipv6-address fd00:abcd:51:b::2
set network virtual-router VR-Default routing-table ipv6 static-route Edge-C-LAN destination 2001:db8:5603::/64 nexthop ipv6-address fd00:abcd:51:c::2
Auf jedem Edge das Gegenstück: das gesamte /56 (Hub und – via Hub – die anderen Standorte) zurück über die Hub-ULA. Das lokale /64 bleibt „connected“ und gewinnt dank längstem Präfix automatisch:
set network virtual-router VR-Default routing-table ipv6 static-route To-HQ destination 2001:db8:5600::/56 nexthop ipv6-address fd00:abcd:51:a::1
# Edge-A reaches Edge-B/-C via the hub (hub-and-spoke).
6.Skalieren mit BGP
Bei vielen Standorten werden statische Routen mühsam. Dann übernimmt MP-BGP über die ULA-Tunneladressen: Jeder Edge kündigt sein /64 an, der Hub fasst zum /56 zusammen. Neue Standorte bringen sich selbst ein – ganz ohne Hand an der Routing-Tabelle:
set network virtual-router VR-Default protocol bgp enable yes
set network virtual-router VR-Default protocol bgp local-as 65000
set network virtual-router VR-Default protocol bgp peer-group SPOKES peer Edge-A peer-as 65000
set network virtual-router VR-Default protocol bgp peer-group SPOKES peer Edge-A local-address interface tunnel.1 ip fd00:abcd:51:a::1/64
set network virtual-router VR-Default protocol bgp peer-group SPOKES peer Edge-A peer-address ip fd00:abcd:51:a::2
set network virtual-router VR-Default protocol bgp peer-group SPOKES peer Edge-A address-family-profile ipv6-unicast
Advanced Routing: Ab PAN-OS 10.2 gibt es die Advanced-Routing-Engine mit
Logical Routers statt Virtual Routers. Die Logik (BGP-Peering über die ULA-Adressen) bleibt
gleich, nur die Befehlspfade lauten dann set network logical-router ….
7.Zonen & Security-Policy
Routing allein reicht nicht – die Firewall muss den Verkehr auch erlauben. Die Tunnel-Interfaces kommen in eine VPN-Zone, dann geben wir den Standort-zu-Standort-Verkehr für das /56 frei:
set zone Z-VPN network layer3 [ tunnel.1 tunnel.2 tunnel.3 ]
set rulebase security rules Allow-Sites-v6 from Z-VPN to Z-VPN source 2001:db8:5600::/56 destination 2001:db8:5600::/56 application any service application-default action allow
commit
8.Verifizieren
Nach dem commit prüfen wir Tunnel, Routen und Erreichbarkeit im operativen Modus:
# Phase 1 / Phase 2 state
show vpn ike-sa
show vpn ipsec-sa
# Show only the static IPv6 routes
show routing route type static afi ipv6
# Test the forwarding decision and check reachability
test routing fib-lookup virtual-router VR-Default ip 2001:db8:5602::1
ping source 2001:db8:5600::1 host 2001:db8:5601::1
Die Routing-Tabelle sollte für jedes Edge-/64 die ULA-Adresse als Next-Hop über das richtige Tunnel-Interface zeigen:
2001:db8:5601::/64 fd00:abcd:51:a::2 tunnel.1 static
2001:db8:5602::/64 fd00:abcd:51:b::2 tunnel.2 static
2001:db8:5603::/64 fd00:abcd:51:c::2 tunnel.3 static
Best Practices
- MTU & TCP-MSS: Tunnel-MTU senken (z. B. 1400) und MSS-Clamping aktivieren – IPsec plus IPv6-Header kosten Overhead, sonst droht Fragmentierung.
- Summarization: Der Hub kündigt nach außen nur das /56 an, nicht jedes einzelne /64 – das hält Routing-Tabellen klein.
- Tunnel-Monitoring: Tunnel-Monitor mit ULA-Ziel einrichten, damit ausgefallene Tunnel erkannt und Routen sauber zurückgezogen werden.
- Redundanz: Für Ausfallsicherheit zweite Tunnel pro Edge und ECMP oder BGP-Pfadpräferenzen nutzen.
- ULA sauber wählen: Die 40 Bit Global-ID nach RFC 4193 zufällig erzeugen – nicht
fd00::für alles verwenden. - Dokumentation: GUA-Plan und ULA-Plan getrennt führen; das erleichtert Audits und spätere Erweiterungen.
Troubleshooting
| Symptom | Ursache & Lösung |
|---|---|
| Tunnel kommt nicht hoch (kein IKE-SA) | Peer-Adresse, PSK oder Crypto-Profil unterschiedlich. show vpn ike-sa und Mismatch beheben. |
| IKE ok, aber kein IPsec-SA | Proxy-ID/Traffic-Selector passen nicht. Bei PAN-OS↔PAN-OS ::/0, bei Dritt-Geräten exakte Präfixe. |
| Tunnel up, aber kein Ping | Route fehlt oder Security-Policy blockt. Routing-Tabelle und VPN-Zonen-Regel prüfen. |
| Edge-A erreicht Edge-B nicht | Auf den Edges fehlt die /56-Rückroute zum Hub – ohne sie kein Spoke-zu-Spoke über den Hub. |
| Große Pakete/Downloads stocken | MTU/MSS nicht angepasst. Tunnel-MTU senken, MSS klemmen. |
| Falscher Next-Hop nach Präfixwechsel | Genau dafür ULA: Tunnel-Next-Hops sind stabil. Prüfen, dass Routen die ULA- und nicht GUA-Adresse nutzen. |
Häufige Fragen
Warum ULA-Adressen zwischen den Tunnelendpunkten statt GUA?
ULA-Adressen (fd00::/8) entkoppeln das Underlay-Routing vom geschäftlichen GUA-Präfix. Die Tunnel-Next-Hops bleiben stabil, auch wenn sich das delegierte /56 ändert. Das vermeidet eine Neuadressierung der Routing-Logik und hält das öffentliche Präfix sauber für produktive Netze.
Kann ein IPv4-IPsec-Tunnel überhaupt IPv6 transportieren?
Ja. PAN-OS routet IPv6 über einen IPsec-Tunnel mit IPv4-Underlay: Das IPv6-Paket wird in IPv4 gekapselt und per ESP verschlüsselt. Auf dem Tunnel-Interface aktiviert man IPv6 und vergibt die ULA-Adresse.
Statische Routen oder BGP – was nehme ich?
Für wenige Standorte sind statische Routen am einfachsten und robustesten. Bei vielen Edges oder häufigen Änderungen lohnt sich MP-BGP über die ULA-Tunneladressen: Jeder Edge kündigt sein /64 an, der Hub fasst zum /56 zusammen.
Wie verhindere ich Fragmentierung im Tunnel?
Die MTU des Tunnel-Interfaces herabsetzen (z. B. 1400) und die TCP-MSS klemmen. IPsec und der IPv6-Header kosten Overhead; ohne Anpassung kommt es zu Fragmentierung und Performance-Einbußen.
Funktioniert das auch mit der Advanced-Routing-Engine?
Ja. Ab PAN-OS 10.2 ersetzen Logical Routers die Virtual Routers. Konzept und ULA-Routing bleiben identisch – nur die Befehlspfade ändern sich (set network logical-router …).
Quellen
Externe Quellen, Stand August 2026 (öffnen in einem neuen Tab):
- Palo Alto Networks – Set Up an IPSec Tunnel (Tunnel Mode)
- Palo Alto Networks – Site-to-Site VPN mit statischem Routing
- Palo Alto Networks – BGP-Peer mit MP-BGP für IPv4-/IPv6-Unicast
- Palo Alto Networks – Advanced Routing: Logical Router konfigurieren
- IETF – RFC 4193: Unique Local IPv6 Unicast Addresses (ULA)
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Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Adressen (Doku-Präfixe), Namen und Befehle sind Beispiele und an Ihre Umgebung sowie Ihre PAN-OS-Version anzupassen. Stand: August 2026.